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Hallo.

Mein Name ist Okka.
Dieses Blog handelt von
den Dingen, die ich liebe – Büchern, Filmen, Mode,
Beauty, Kochen, Reisen.
Und vom Leben mit meinen beiden Töchtern in Berlin. 
Schön, dass du hier bist. 

(FAST) ZWEIEINHALB JAHRE


Liebe Fanny,

gestern haben wir wieder einen Strich an den Türrahmen in Deinem Kinderzimmer gemacht. Die Abstände zwischen den Strichen werden jetzt etwas kleiner als noch vor einem Jahr, trotzdem ist es schwer zu glauben: Du bist 94 Zentimeter groß (Dein Bär, den Du „Bär“ nennst, und auch unbedingt messen wolltest, 26 Zentimeter, mit der Windel, die Du ihm dann ungebunden hast, knapp 27 Zentimeter). Es sind bloß Zahlen, aber sie scheinen zu beweisen, was wir ohnehin gerade fühlen: Du bist groß geworden, Fännchen. So groß. 

Du machst keinen Mittagsschlaf mehr. Du verkleidest Dich als Prinzessin wie die großen Mädchen im Kindergarten. Wenn man Dich fragt, ob Du eine Prinzessin bist, antwortest Du allerdings: Nein, eine Fanny. Du liebst Mickey Maus-Pflaster und klebst sie Dir auf alle Finger, wenn wir eine Minute nicht hingucken, der Trick, sie in die oberste Schublade zu legen funktioniert nicht mehr, Du schiebst Dir einfach einen Stuhl davor und machst sie auf. Du willst, dass ich Dir die Fingernägel lackiere, weil meine Fingernägel auch lackiert sind, und wenn ich Dir die Nägel angemalt habe, bestehst Du darauf, auch meine Nägel zu lackieren, genau, wie ich es bei Dir gemacht habe, nicht wackeln, sagst Du. Es ist eine Riesensauerei, es ist herrlich, Du malst immer meine Finger und Hände an. Du liebst es, Dich zu verstecken, hinter der Tür, unter der Decke, in Deiner Höhle, Mama, hast Du Fanny gesehen? fragst du dann, und freust dich so sehr, dass das Lachen aus Dir herausbricht wie die Kirschblüten draußen, Fanny weg!, sagst Du dann und lachst noch mehr, bis Du es nicht mehr aushälst und Daaaaaa rufst, um gleich wieder von vorne zu beginnen. Wenn ich koche, schiebst Du Dir den weißen Hocker zu mir und kochst mit, Du wiegst den Zucker und das Mehl für meinen Kuchen, du rührst die Eier für den French Toast, vorhin hast Du Dir den Hocker sehr ernsthaft zur Kaffeemaschine geschoben und erzählt, dass Du jetzt Kaffee kochst, weil Du müde bist (noch so etwas, an das ich mich erst gewöhnen muss, Fanny: Dir entgeht nichts, absolut gar nichts, kein Wort, kein Schimpfwort, keine Geste, Du machst, sprichst, gestikulierst alles nach). Am Samstag hast Du auf dem Markt eine Tulpe geschenkt bekommen, Du warst so aufgeregt, dass wir zu Hause noch in der Jacke eine Vase für Deine rote Tulpe holen mussten. Wir haben die rote Tulpe dann ans Fenster in Deinem Zimmer gestellt, damit sie viel Licht bekommt, Du sagst ihr jeden Morgen Hallo. Du liebst es, uns von Deinem Fahrradsitz aus anzuschieben, „Achtung, fertig, los“ rufst Du dann und drückst Deine Hände in meinen Rücken, ich sage „Schau doch nur, wie schnell wir sind“ und Du gluckst Dein Glucksen. Du schummelst beim Obstgarten-Spielen, Fännchen, jedes Mal. Bevor wir einkaufen gehen, schreibst Du jetzt Deinen eigenen Einkaufszettel, wenn wir fragen, was Du aufgeschrieben hast, zeigst Du auf Deine Linien: „Drei Milch, ein Bechlomm (Luftballon), Tomatensoße, Schokolade, Pizza, Eierspiegel, Schokolade, Joghurt.“ Seit ich Dir aus der Drogerie mal ein gelbes Dreckspatz-Bad mitgebracht habe, möchtest Du, dass wir jeden Abend das Badewasser färben, ach Fanny, sage ich, es ist doch schon Schlafenszeit, Mamaaa, Dreckspatzbad sagst Du, und heute grün. Vor ein paar Tagen hast Du auf die Frage, wonach Dein Lolli schmeckt "nach Mama" geantwortet. Es war ein Erdbeer-Lolli.

Vorm Einschlafen singen wir zusammen dieses kleine Lied, das ich mir für Dich ausgedacht habe, zur Melodie von „Guten Abend, gute Nacht“, erst war es nur ein Spaß, aber Du liebst dieses Lied (und ich liebe es, dieses Lied mit Dir zu singen, immer nur die ersten beiden Zeilen, dann singst Du weiter):

Guten Abend, gute Nacht, 
wer soll denn jetzt schlafen?
Das ist Fanny, Fannylein,
soll jetzt ganz schnell ins Bett.
Mach die Äuglein schnell zu
und träum dann ganz toll
mach die Äuglein schnell zu
und schlaf dann ganz schön.

Bevor ich Dich ins Bett singen darf, müssen wir allerdings erst alle Kindergartenkinder, alle Erzieher, Omi und Opi, Tante Lene und Onkel Aiko, alle Kuscheltiere und manchmal, wenn Du so überhaupt gar nicht schlafen willst, auch die Decke, Deine Füße und Deine Nase ins Bett singen, das ist Nase, Naselein, soll jetzt ganz schnell ins Bett. Mit den Zentimetern sind Dir auch ganz neue Gefühle gewachsen. Du kannst Dich über die kleinsten Dinge fürchterlich erschrecken (Fanny schreckt!) und Du kannst fürchterlich sauer sein („Fanny sauer.“ „Aber warum bist du denn sauer, Fanny?“. „Weil Fanny sauer“.) Dann verschränkst Du die Arme vor der Brust und ziehst eine Stummfilmschnute, ich bemühe mich sehr, Dich in solchen Momenten nicht anzugrinsen oder gar abzuküssen, Du siehst so entzückend aus, wenn Du so sauer bist. Mehr als alles andere kannst Du Dich aber fürchterlich freuen, Du freust Dich immer noch so sehr über die Welt, wie Du Dich als Baby gefreut hast, wenn Du vor Lachen umgefallen bist, eine Tulpe!, ein Luftbechlomm!, guck, Mama, die SONNE SCHEINT!, Eierspiegel zum Abendbrot!, der blühende Kirschbaum auf dem Nachhauseweg, so pink!. Wenn ich mich später an diese Zeit erinnern werde, dann werde ich mich immer an dieses Glucksen erinnern, an diese Momente ungefilterten Glücks, an all die Sätze mit Ausrufezeichen. (Und was Du mir damit alles zeigst, und wir Du mir die Augen öffnest, für den Moment, die kleinsten Kleinigkeiten, Fanny, Du hast ja keine Ahnung). 

Und dann, nicht mehr so oft, bist Du wieder ganz winzig klein, ein warmes Knäuel. Du hast dieses herrliche Talent, Dich völlig fallen lassen zu können, Dich in den Arm von Deinem Papa zu drehen oder in meinen, Dich anzuschmiegen und reinzuwühlen, wenn Du müde und verkuschelt bist. Oft, fast immer bleibe ich noch neben Dir liegen, wenn Du eingeschlafen bist, ich liege da und weiß, ich müsste endlich aufstehen und erledigen, was noch zu erledigen ist, und bleibe doch liegen wie manchmal morgens, wenn der Wecker klingelt, noch fünf Minuten, nur noch fünf, ach, jetzt aber wirklich nur noch fünf, ich mag mich einfach nicht entknoten. Manchmal flüstere ich Dir Worte ins Ohr, Worte, die ich direkt in Dein schlafendes Herz spreche, damit Du es später auch noch im Schlaf weißt, und wenn Du aufwachst: Du bist wunderbar. Ich lieb Dich bis zum Himmel und wieder zurück, sehr und für immer.

Deine Mama

NICHT VON DIESER WELT

EINMAL TIEF DURCHATMEN